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27.06.12

Sorge um die Sicherheit auf hoher See

Auch wenn die Seefahrt seit dem Untergang der Titanic vor 100 Jahren erheblich sicherer geworden ist: Die schiere Größe moderner Fracht- und Passagierschiffe, minimale Besatzungen oft aus Billiglohnländern oder Bürokratie bringen neue Risiken mit sich.


München, 27. Juni 2012 - Seit dem Untergang der Titanic vor 100 Jahren hat die Schifffahrtsindustrie auf vielfältige Weise in die Sicherheit auf See investiert. Doch auch wenn heute täglich 23 Millionen Tonnen Fracht und 55.000 Kreuzfahrtpassagiere zumeist sicher und effizient befördert werden, führen Unglücke wie das des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia oder der Passagierfähre Rabaul Queen in diesem Jahr die Risiken immer wieder deutlich vor Augen. Große Unfälle wie die der Titanic (1912), Herald of Free Enterprise (1987), der Exxon Valdez (1989) oder der Estonia (1994) waren dabei stets Katalysatoren für wesentliche Verbesserungen bei Technologie, Sicherheit, Konstruktion, Ausbildung und Vorschriften.

Sobald ein Problem behoben ist, scheint sich ein Neues aufzutun, impliziert die aktuelle Studie des Schiffsversicherers Allianz Global Corporate & Specialty in Zusammenarbeit mit dem Seafarers International Research Centre der Cardiff University „Safety & Shipping 1912–2012: From Titanic to Costa Concordia“. Allein die Größe moderner Containerschiffe, neben denen die Titanic heute wie ein Fischerkahn wirken würde, werfe neue Fragen bezüglich Risiko und Stabilität auf, geben die Verfasser der Studie zu bedenken. Das gelte nicht nur für den Warentransport. Auch bei Kreuzfahrtschiffen bereite der Trend zu Kolossen mit mehr als 6.000 Passagieren an Bord neue Probleme, insbesondere bei Evakuierungen und Bergungen in entlegenen Gebieten. Die Internationale Schifffahrts-Organisation (International Maritime Organisation, IMO) habe neue Bestimmungen für solche Risiken erlassen. Demnach sollen moderne Kreuzfahrtschiffe darauf ausgerichtet sein, als „ihr eigenes bestes Rettungsboot" zu funktionieren, so dass Passagiere und Crew bei Unfällen sicher an Bord bleiben könnten, während das Schiff den Hafen anlaufe.

Neben der Größe gibt auch die Ausbildung der Besatzung häufig Anlass zur Sorge. Angesichts des steigenden Kostendrucks heuerten viele Reeder Besatzungen aus Schwellenländern an, die zu weit geringeren Löhnen arbeiteten. Trotz internationaler Standards bereitete der unterschiedliche Kenntnisstand bei Besatzung und Offizieren noch immer Probleme. Ein weiteres Risiko sei die geringe Besatzungsstärke. Einige Experten hielten die vorgeschriebene Mindest-Mannschaft für zu gering, um alle Aufgaben eines 24-Stunden-Betriebes erfüllen zu können. Insbesondere in verkehrsreichen Gebieten wie der Ostsee hätten die Besatzungen nur kurze Ruhezeiten zwischen den Einsätzen. Menschliche Faktoren wie Übermüdung sind Statistiken zufolge zu 75% bis 96% verantwortlich für tödliche Unfälle auf See. Hinzu kämen Sprachbarrieren innerhalb einer internationalen Besatzung, die die Kommunikation im Notfall erschweren und zu folgenschweren Missverständnissen im Tagesgeschäft führen könnten.

Eine weitere Bedrohung für die Schifffahrt ist der Studie zufolge die Piraterie, insbesondere vor Somalia und dem Horn von Afrika, wo im Jahr 2011 28 Schiffe angegriffen wurden. Der wirtschaftliche Schaden durch Piraterie wurde 2011 auf rund 7 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Ein Risiko sehen die Autoren der Studie zudem in der Passierbarkeit vormals nicht befahrbarer Seewege. Neue Routen wie die Nord-Ost-Passage stellten hohe Anforderungen an die Navigation im Eis, an Design und Konstruktion sowie die Planung von Notfallmaßnahmen in einem schwer zugänglichen und unberechenbaren Umfeld.

Aufgrund der komplexen regulatorischen Rahmenbedingungen müsse darüber hinaus die Koordination von Regelungen verbessert werden, forderte der Schiffsversicherer. Auch wenn sich die beteiligten Behörden über die Ziele einig seien, stimmten sie ihre Maßnahmen nicht immer aufeinander ab. Auch sei es oft schwer, im Unglücksfall die Zuständigkeiten zu bestimmen. Hinzu komme die Bürokratie, die Besatzung und Offiziere von anderen Aufgaben ablenke und so ein potenzielles Sicherheitsrisiko darstelle.